Gemeinsam sind wir stärker

Ich-AG Geige

Vortrag 17 — bestimmte wiederdargebotene Musik Performance von Thomas Janitzky (mit Paule Hammer, Daniel Mudra und Marcus Psurek), 2013

AG Geige waren Olaf Bender, Frank Bretschneider, Torsten Eckhardt, Jan und Ina Kummer. Von 1986 bis 1993 performte die Band eine Mischung aus elektronischen Musikelementen, monotonem Sprechgesang mit dadaistischen Texten, karnevalesker Kostümierung und experimentellen Visuals — von Malerei bis Video. Ihre Haltung: Eine ‘konsequente Verweigerung von Sinn und die Inthronisierung des Absurden’, wie Grit Lemke schreibt, die nicht nur ein Lebensgefühl ausdrückte, sondern gleichzeitig auch eine subversive Strategie darstellte, ‘in einem Land, wo noch die banalste Lebensäußerung als politisches Bekenntnis verstanden wurde’.*

Ich-AG Geige sind Paule Hammer, Thomas Janitzky, Daniel Mudra und Marcus Psurek, die seit Up Till Now gemeinsam durch Deutschland touren. Alle Mitglieder von Ich-AG Geige, mit Ausnahme von Marcus Psurek, sind, wie auch bei AG Geige, Autodidakten und beherrschen die von ihnen gewählten Instrumente mal mehr, mal weniger. Ich-AG Geige versteht sich nicht als Cover Band, die sich an der perfekt nachinszenierten Musikdarbeitung mit einer bis ins Detail nachempfundenen Performance und Kostümierung ihres Vorbildes versucht. Bei der Neuinterpretation der ‘bestimmten wiederdargebotenen Musik’ des Vorbilds mittels originalgetreuer Instrumente handelt es sich vielmehr um den Versuch, den politischen Moment in der Performance von AG Geige in ein Heute zu überführen. In Anlehnung an Konzepte der Selbstvermarktung im Turbokapitalismus, welche insbesondere auch KünstlerInnen zu Prototypen der Anpassung an neoliberale Strukturen werden lassen, wird aus AG Geige heute eine Ich-AG Geige. Das nach ihrem ersten gemeinsamen Auftritt zur Finissage von Up Till Now entstandene Plattenlabel kokettiert auf seinem Blog mit werbewirksamen Phrasen der Kundenfreundlichkeit und Selbstinszenierung als Marketinginstrument und führt dadurch ebendiese ad absurdum. Die Kostüme (Pullunder, dicke Bäuche, Krawatten) wirken albern, geben jedoch auch einen Hinweis auf die Integration künstlerischer Praktiken in bürgerliche Lebensweisen und Arbeitsstrukturen. War es bei AG Geige noch der vordergründige Diletantismus als subversive künstlerische Strategie, so verweisen Ich-AG Geige auf die Selbstdarstellung als Instrument der Inszenierung um über ‘Nicht-Können/Dilettantismus’ hinwegzutäuschen.

* Grit Lemke, AG Geige — ein Amateurfilm, Katalog des 56. Internationalen Leipziger Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm

(Julia Kurz/Anna Jehle)